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«Ecce Homo» – Christkönigssonntag, 26.11.2017

Veröffentlicht vor mehr als einem Jahr, 26. Nov. 2017

„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.“ Wenn Sie das hören, geht es Ihnen vielleicht ähnlich wie mir: es fallen Ihnen gleich ein paar passende Namen dazu ein. Man braucht den Kreis aber gar nicht so weit zu ziehen. Jeder Mensch verfügt über eine gewisse Macht. Die Frage ist, wie er damit umgeht? Und das wiederum hängt stark davon ab, wie „man“ mit ihm vor allem als Kind umgegangen ist! All jene unter Ihnen, die Eltern sind, hatten oder haben eine ziemlich grosse Macht über ihre Kinder. Bei jeder Taufe erinnere ich daran.

Und dann steht noch dieser kleine Satz im Evangelium, in dem es schlicht und einfach heisst: „Bei euch soll es nicht so sein!“ Mit „euch“ meint Johannes jene, die sich auf Jesus Christus berufen und ihm nachfolgen. Sie sollen ihre Macht nicht missbrauchen! Doch was müssen wir feststellen, wenn wir zurückschauen? Genau das Gegenteil war der Fall. Gerade „bei euch“ war es am schlimmsten. Ich will erst gar nicht anfangen aufzuzählen.

Natürlich drängt sich die Frage auf, wie es nur so weit kommen konnte? Wie kann man die Bibel nur so falsch verstehen, bis dahin, dass ihre Botschaft ins Gegenteil verkehrt wird? Die ehemals Verfolgten wurden selbst zu Verfolgern der unbarmherzigsten Art. Wie ist so etwas möglich? Nun könnte man sagen, damals konnte ja kaum einer lesen, und jene, die des Lesens mächtig waren – fast ausnahmslos Kirchenleute – missbrauchten diese Macht für ihre Zwecke. Nicht umsonst heisst es: Wissen ist Macht.

Martin Luther konnte lesen. Er hat die Bibel ins Deutsche übersetzt. Trotzdem – bei all seinen Verdiensten – er war Antisemit, wie fast alle seiner Zeit. Ausserdem stand er in den Bauernkriegen nicht auf der Seite der Bauern und der Armen, sondern auf der Seite des Adels. Und unter den Reformatoren brannten die Scheiterhaufen ebenfalls – auch hier in der Schweiz.

Bleiben wir in der Schweiz. Sie erinnern sich: in Sissach gab es vor kurzem eine öffentliche Sauschlachtung. Daraufhin hat sich ein ehemaliger reformierter Pfarrer öffentlich gegeisselt, als Sühne für das Unrecht, das den beiden armen Schweinen angetan wurde. An dieser öffentlichen Geißelung waren offenbar Leute zugegen – zumindest gemäß verschiedener Medienberichten – die lachten und spotteten über den Pfarrer, und ermutigten denselben sogar noch, doch noch etwas fester zuzuschlagen. Man mag zu diesen beiden öffentlichen Veranstaltungen stehen wie man will – meine Sache ist weder das eine noch das andere – aber eines haben mir die hämischen Reaktionen auf die Geisselung des Pfarrers gezeigt: Ob man nun ein Sau-Spektakel veranstaltet, oder heute (!) eine öffentliche Hinrichtung vollziehen würde, z.B. auf dem Marktplatz in Basel, ich habe keine Zweifel, der Platz wäre von Schaulustigen übervoll, und nicht wenige würden die Hinrichtung auch noch lustig finden und brüllen, endlich loszulegen.

Das erinnert mich an die Stelle im Johannes Evangelium (19,5), als Pilatus dem Volk mitteilt, keinen Grund gefunden zu haben, um Jesus zu verurteilen. Pilatus zeigt auf den geschundenen Jesus mit der Dornenkrone und ruft: „Seht, da ist der Mensch!“ Jenes berühmte „Ecce homo!“ Pilatus hofft, damit ein Umdenken zu bewirken im Sinne von: Reicht euch das denn nicht? Nein, es reicht nicht. Das Volk ruft: „Ans Kreuz mit ihm!“ So ist der Mensch – damals wie heute.

Franz Sabo