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Nahe dem Menschen

Veröffentlicht vor mehr als einem Jahr, 31. Oct. 2017

Röschenz hat mit seinen immerhin 1830 Einwohnern leider keinen Bäcker mehr. Die Post ist im ohnehin engen Denner eingepfercht. Nichts Aussergewöhnliches. Wir leben nun mal im Zeitalter der Globalisierung, Zentralisierung und Digitalisierung, mit dem dazugehörigen Zeitgeist. Immer grössere Supermärkte (jetzt auch im Internet), immer grössere Firmen-Fusionen, dementsprechend immer grössere Zusammenbrüche (global und individual), und jetzt auch noch immer grössere Pfarreien, sogenannte Pastoralräume. Ich bin mir ziemlich sicher, das ist genau das Gegenteil dessen, was die Leute im Grunde wollen und brauchen. Sie wollen einen Bäcker am Ort und dass die Kirche im Dorf bleibt. Das wäre nicht nur wünschenswert, sondern auch das Richtige. Doch dafür müssten die Leute auch etwas tun, sich persönlich und finanziell engagieren und sich z.B. einsetzen für den Bäckerladen im Dorf und bereit sein, ein paar Rappen mehr zu zahlen. Doch dazu reicht es offenbar doch nicht. Das Interesse zu gering, die Bequemlichkeit zu gross – nicht nur bei uns im Dorf.

Als typisch für das Spannungsfeld zwischen Gross und Klein, zwischen Menschennähe und Menschenferne, empfand ich zwei Artikel in der Ausgabe des Wochenblatts vom 28.09.2017. Die Überschrift auf der Titelseite lautete: „Dem Dorfleben unter die Arme greifen.“ Darunter war zu lesen: „Nahe Grosseltern, ein Laden, ein Restaurant. Wenn diese Lebensadern fehlen, werden Dörfer unattraktiv. Blauen sorgt nun mitten im Dorf für Ersatz.“ Und zwar mit einem Ort der Begegnung, mit Kindertagesstätte, Dorfladen und Dorfstübli. Das wäre der richtige Weg! Viele Leute haben nämlich mittlerweile die Schnauze voll von der Globalisierung, Zentralisierung, Digitalisierung und Anonymisierung. Die Schmerzgrenze, um tatkräftig etwas dagegen zu tun, scheint allerdings vielerorts noch nicht erreicht zu sein.

Auf Seite drei derselben Wochenblatt-Ausgabe wird das Gegenteil dargestellt, nämlich die Globalisierung, und das ausgerechnet am Beispiel der Kirche. Der Pastoralraum Laufental-Lützeltal wird präsentiert und gepriesen. Eine monströse Mammutpfarrei. „Synergien“ sollen gebündelt werden, mit Projekten und Projektleitern, Projektberatern, Projektgruppen und mit viel verschwatzter Zeit und unnötigen Kosten. Die Seelsorge wird verwaltet. Die Kirche ist nicht mehr im Dorf und nicht mehr nahe am Menschen, sondern verhockt und verheddert sich in Projekten und am grünen Tisch, wo ein Professor Kluges von sich gibt. Das wird nicht gutgehen. So edel die Absichten sein mögen, die dahinterstecken, nämlich die Leute nicht ganz im Stich zu lassen, als Kirche noch irgendwie präsent zu sein – allein die guten Absichten nützen nichts, wenn man den falschen Weg einschlägt, von den Menschen weg, anstatt zu den Menschen hin. Alles, was ein Pastoralraum an nützlichen Synergien (Zusammenarbeit) bringen soll, vermögen die einzelnen Pfarreien untereinander und miteinander weit besser und vor allem menschennäher zu leisten. Die Kirche hinkt wieder einmal den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen weit hinterher.

Es braucht den Mut zur Lücke. Wenn die Schmerzgrenze erreicht ist, werden sich Menschen von selbst wieder um eine Spiritualität* kümmern – da und dort auch um eine kirchlich-religiöse. Eine Erneuerung der Kirche kann nur von „unten“ kommen. Alles andere wirkt verkopft und aufgesetzt. Projekte, Konzepte und Mammutpfarreien können die fehlende Spiritualität nicht ersetzen.

* „Spiritualität“ bedeutet im weitesten Sinne „Geistigkeit“. Im engeren Sinn ist „Geistlichkeit“ gemeint, und zwar als religiöse Haltung. Man könnte auch sagen, es geht um die Beziehung des Menschen zu Gott, zu einer göttlichen Existenz oder göttlichen Wirkkraft.

Franz Sabo