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«System Kirche» (2. Juli 2023)

Veröffentlicht vor 8 Monaten, 03. Jul. 2023

Der «Fall» – durchaus im doppelten Sinn – des ehemaligen Priesters Anton Ebnöther ist in den letzten Wochen auf ein breites mediales Interesse gestossen, bis hin zu der Dokumentation «Unser Vater» von Miklos Gimes. Ebnöther, ein Schwerenöter und Verführer, hat in den 1950/60er Jahren mit vier Frauen sechs Kinder gezeugt. Sowohl für die Kinder Ebnöthers als auch für den Regisseur ist der Geistliche nicht einfach ein «Bösewicht». Ein gerechtes Urteil über einen Menschen zu fällen, ist ohnehin kaum möglich. Für Gimes war Ebnöther nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Ein Opfer des «Systems Kirche». Zum «System Kirche» zählen hier vor allem Vertuschung, Verheimlichung, Verleugnung, Verharmlosung, Verschweigen usw. Das mag dazugehören, dennoch sind das meiner Überzeugung nach «nur» Folgen einer viel grundlegenderen Systematik, nämlich die der Unterdrückung, vor allem der Sexualität. Das muss aufhören!

Die Kirche muss sich dem menschlich zentralen und in jeder Hinsicht existentiellen Thema Sexualität stellen. Sie muss die Menschen (dazu gehören auch die Priester!) in ihrer Sexualität an- und ernst nehmen, sie ihre Sexualität leben lassen, solange die geltenden Gesetze, wie z.B. der Schutz von Minderjährigen eingehalten werden. Unsere Grundrechte garantieren, dass niemand wegen seiner Sexualität diskriminiert werden darf. Heisst das nicht auch, dass niemandem wegen der Ausübung seiner Sexualität ein Berufsverbot erteilt werden darf?

Viele junge Menschen können bei ihrer Priesterweihe aufgrund ihres Alters die Tragweite dessen, was sie versprechen, gar nicht ermessen. Das ist bei der Ehe nicht anders! Die Hälfte aller Ehen halten nicht. Doch ganz unabhängig davon, wäre es an der Zeit, dass auch die Kirche einsieht, dass man nie „mehr“ versprechen kann als: „ich verspreche dir, es ehrlich zu versuchen!“ Das gilt für das Zölibats- wie für das Eheversprechen und für alle anderen auch!

Wer ein Versprechen einfordert und andere damit überfordert oder gar in tiefe Schuldgefühle treibt, handelt nach meiner Überzeugung unmoralisch. Der Theologe Josef Imbach schreibt: „Es erscheint mir als geradezu unanständig, wenn jemand mit dem Hinweis auf Treueversprechen und Gehorsamsgelübde die Menschenrechte außer Kraft zu setzen oder auch nur zu beschneiden versucht.“

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Weder die Anpassung des Eheversprechens, noch die Aufhebung der Zölibatsverpflichtung für Priester, noch die Öffnung hin zu mehr sexueller Freiheit und genauso wenig die Frauenordination werden eine Wende in der Katholischen Kirche herbeiführen, schon gar nicht nach all den Missbrauchsskandalen. Der dahinsiechende Patient „Katholische Kirche“ braucht unbedingt eine spirituelle Erneuerung! Aber die kann man nicht „machen“. Was man aber machen kann, ist den Boden bereiten, gute Erde geben, damit überhaupt etwas wachsen und gedeihen kann. Die „Wende“ kann schließlich nur von der Basis kommen.