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“Sanatio in radice”

Veröffentlicht vor 5 Monaten, 01. Jun. 2019

Predigt vom 19. Mai 2019

Als sich die höchsten kirchlichen Würdenträger der röm.-katholischen Kirche im Frühjahr 2019 zu einem Anti-Missbrauchs-Gipfel im Vatikan trafen, um sich wieder einmal zu entschuldigen, ist mir eine Szene in besonderer Erinnerung geblieben. Das Fernsehen zeigte die gesamte Bischofsschar in heiligen Hallen und in vollem Ornat, also in wallenden grünen Gewändern mit rotem, bzw. violettem Käppi. Die Szenerie erinnerte mich an eine Mischung aus Aida und Basler Fasnacht.

Es war ja nur ein Bild, aber für mich mit starker Symbol- und Ausdruckskraft. Es zeigte mir eindrücklich: So wird das nix. Der Absturz der röm.-kath. Kirche geht weiter. Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht. Es braucht eine Erneuerung, ausgehend von den Wurzeln menschlicher Existenz. Sozusagen eine “Sanatio in radice”! Ein Begriff aus dem Kirchenrecht, der die Gültigkeit einer Ehe wiederherstellen soll. Eine sogenannte “Heilung an der Wurzel”.

Und da geht es nicht nur, aber vor allem, um Sexualität und ihre Tabuisierung durch die röm.-kath. Kirche. Unsere Sexualität ist schlicht und einfach existentiell. Jeder Mensch muss seine Sexualität leben können und dürfen – sofern sie Minderjährige, und vor allem Kinder aussen vorlässt. Es hat überhaupt keinen Sinn, und hilft keinen Schritt weiter, wenn man sich ständig entschuldigt, aber um das Hauptproblem drum herumredet, bzw. herumschweigt.

Man muss aufhören, den Menschen vorzuschreiben, in welcher Beziehungsform sie zu leben haben. Das gilt für Nicht-Priester genauso wie für Priester. Man muss auch – jedenfalls kirchlicherseits – damit aufhören, die Ehe als “heilige Kuh” zu betrachten. Das ist sie höchstens noch theoretisch, praktisch schon lange nicht mehr. Man hat sie hochstilisiert zu einem Abbild der Liebe Gottes. Eine fatale Überhöhung. Zu viel des Guten. Ein Abbild der Liebe Gottes ist die Liebe zwischen Menschen, egal in welcher Form. Ein Abbild der Liebe Gottes ist die Sorge für das Leben und unseren Planeten. Ein Abbild der Liebe Gottes ist Mitgefühl, Mitleid, Fürsorge, Respekt. Das kann durchaus in einer Ehe geschehen, aber mindestens genauso gut in allen anderen Beziehungsformen. Schliesslich darf auch den Frauen die Tür zum Diakonat und zum Priesteramt nicht weiter verschlossen bleiben.

Solange diese Türen nicht geöffnet werden, wird es mit der röm.-kath. Kirche weiter bergab gehen. Es braucht den Mut zur Trennung, d.h. zur Abspaltung von all jenen ultrakonservativen Kreisen, die sich einer “Sanatio in radice” verweigern und ihr eigenes reaktionäres Süppchen kochen. Sollen sie! Meinetwegen mit Selbstgeisselung. Irgendwo und irgendwie fordern die unterdrückten Triebe ihren Tribut, suchen nach einem Ventil, oder nach einem Opfer. Mit Entschuldigungen und einem “weiter so” gelingt eine Heilung an der Wurzel nicht.

Mittlerweile hat die Kirche ihre Glaubwürdigkeit zum grössten Teil verspielt. Sie ist an ihren eigenen moralischen Ansprüchen gescheitert. Ein Blick in die Geschichte genügt. Im Glaubensbekenntnis heisst es: “ich glaube an die heilige katholische Kirche”. Dieses “heilige” ist ein Hohn. Es bleibt mir im Hals stecken. Ich kann das nicht mehr bekennen. Es muss durch “eine” ersetzt werden. Im Vergleich zum Sündenregister der Kirche – die im Laufe ihrer Geschichte keine Sünde ausgelassen hat – sind wir geradezu die Heiligen.

Es ist die Institution Kirche, die eine “Sanatio in radice” bitter nötig hat. Sie ist leider nicht in Sicht. Papst Franziskus überzeugt zwar mit seiner Menschlichkeit und Bescheidenheit, ist aber zu inkonsequent, theologisch zu konservativ und inzwischen auch zu alt.